Oder: Warum eine Excel-Zelle selten ein Schicksalsmoment ist. Und wie Humor, Leichtigkeit und das Pareto-Prinzip in entscheidenden Momenten den Krampf rausnehmen können, ohne die eigene Selbstdisziplin komplett aufzugeben.
Kennst du das?
Es ist 9:10 Uhr. Du öffnest nur kurz eine E-Mail, um eine Kleinigkeit zu korrigieren. Zehn Minuten, maximal. Eigentlich wolltest du längst an etwas Wichtigem sitzen.
9:40 Uhr: Du feilst immer noch am dritten Satz, weil das „Mit freundlichen Grüßen“ plötzlich zu förmlich wirkt, aber „Beste Grüße“ irgendwie auch nicht passt. Die Signatur hast du vorsorglich auch noch angepasst.
10:25 Uhr: Du bist inzwischen in Excel gelandet. Eigentlich wolltest du nur eine Zahl prüfen. Jetzt sind drei Spalten verrutscht, eine Formel zeigt kryptische Fehlercodes und du fragst dich kurz, warum dieses Programm offensichtlich persönlich gegen dich arbeitet. Deine Schultern haben sich unbemerkt Richtung Ohrläppchen bewegt.
11:05 Uhr: Du hast nichts Weltbewegendes getan. Aber du warst hochkonzentriert, emotional involviert und innerlich sehr sicher, dass es jetzt um etwas Entscheidendes geht.
Wenn du dich hier wiedererkennst: Willkommen im Alltag funktionierender Menschen. Du bist nicht unprofessionell. Du bist einfach nur sehr gründlich – manchmal an erstaunlich kleinen Stellen.
Pareto – ja, den kennen wir
Das Pareto-Prinzip gehört zu diesen Ideen, die man eigentlich schon kennt, bevor man weiß, dass man sie kennt.
In der Schule kenne ich das noch als:
- Vier gewinnt (zumindest in Österreich, schreibt mir gerne wie das in anderen Ländern heißt).
- Ein gutes Pferd springt nicht höher, als es muss.
Später hieß es dann:
- 80 % Ergebnis mit 20 % Aufwand.
- Fokus auf das Wesentliche.
- Effizienz, Hebel, Impact.
Alles korrekt. Alles vertraut. Alles ein bisschen abgegriffen. Und trotzdem übersehen wir im Alltag genau den Teil von Pareto, der wirklich relevant wäre.
Pareto ist kein Leistungs-, sondern ein Proportionsprinzip
Pareto sagt nicht: „Streng dich weniger an.“
Pareto sagt:
Nicht alles verdient den gleichen Ernst – auch wenn es sich gerade so anfühlt.
Das Problem ist selten mangelnde Anstrengung. Das Problem ist Überinvestition an den falschen Stellen.
Wir behandeln 20-Prozent-Themen wie 100-Prozent-Entscheidungen. Mit entsprechendem inneren Druck. Mit erstaunlich viel Energie. Und mit überschaubarem Zusatznutzen.
Oder, im Schulbild: Wir lassen das Pferd springen – nicht weil das Hindernis hoch wäre, sondern weil wir gerade vergessen haben, wie hoch es eigentlich ist.
Warum wir dabei so verbissen werden
Unser Gehirn kann Proportionen ganz gut – solange es ruhig ist. Sobald emotionale Aktivierung dazukommt, wird es schwieriger.
Dann passiert meist Folgendes:
- Aufmerksamkeit verengt sich,
- Bedeutung wird hochskaliert,
- Kontrolle fühlt sich plötzlich existenziell an.
Eine E-Mail ist dann nicht mehr eine E-Mail, sondern ein Statement über Kompetenz, Haltung und mögliche Fehlinterpretationen bis mindestens 2029.
Rein sachlich betrachtet: leicht übertrieben. Im Moment selbst: völlig plausibel.
Humor als Erinnerung an Pareto
Und genau hier kommt Humor ins Spiel. Nicht als Witz. Nicht als Weglachen. Nicht als „Ist doch alles halb so schlimm“.
Humor wirkt hier als Kippschalter.
Ein inneres Augenrollen. Ein trockener Gedanke wie:
Interessant, wie viel Drama ich gerade in eine Tabellenzelle investiere.
Mehr braucht es oft nicht.
Humor löst das Problem nicht. Aber er löst uns kurz vom Problem. Gerade so weit, dass wieder spürbar wird:
Ah. Stimmt. Das hier sind vielleicht keine 100 %.
Pareto erklärt das Modell. Humor sorgt dafür, dass wir uns im richtigen Moment daran erinnern.
Ein sehr minimalistischer Praxistest
Keine Übung. Kein Tool. Kein Ritual.
Nur eine Frage:
„Springt das Pferd hier gerade höher, als es müsste?“
Wenn die Antwort ja ist, darfst du innerlich einen Gang rausnehmen. Nicht aus Nachlässigkeit. Sondern aus Präzision.
Ernst nehmen – aber nicht alles
Es geht nicht darum, Dinge weniger ernst zu nehmen. Es geht darum, nicht alles maximal ernst zu nehmen.
Manche Themen verdienen 100 %. Viele kommen mit 40 % hervorragend zurecht. Und einige hätten schon mit 10 % weniger Drama ein deutlich entspannteres Umfeld.
Pareto hilft, das zu wissen. Humor hilft, es zu spüren.
Zack … und wieder stirbt ein Frosch.
Literaturverzeichnis und weiterführende Literatur
Die folgenden Quellen bieten eine fundierte Grundlage zum Pareto-Prinzip,
zu Pareto-Verteilungen (Power Laws) sowie zu deren korrekter Einordnung.
-
Newman, M. E. J. (2005). Power laws, Pareto distributions and Zipf’s law.
Contemporary Physics, 46(5), 323–351.
https://doi.org/10.1080/00107510500052444
-
Clauset, A., Shalizi, C. R., & Newman, M. E. J. (2009).
Power-law distributions in empirical data.
SIAM Review, 51(4), 661–703.
https://doi.org/10.1137/070710111
- Koch, R. (2011). The 80/20 Principle: The Secret of Achieving More with Less: Updated 20th anniversary edition of the productivity and business classic. Hachette UK.
-
Taleb, N. N. (2007). The black swan: The impact of the highly improbable.
Random House. -
Kahneman, D. (2011). Thinking, fast and slow.
Farrar, Straus and Giroux.

