DIE PARTEI, Ironie als politische Größe & Reaktanzvermeidung

DIE PARTEI spaltet die (linken) Geister

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Marie Geissler / RedeVux: Poetry Slammerin & Mitglied der Partei DIE PARTEI). Wichtige Anmerkung: alle Bilder hier entstammen meiner ‚Gelindnert Gesagt‘-Kampagne auf Facebook. Es ist keine Aktion der Partei DIE PARTEI. Ich will mich hiermit ausdrücklich von der Partei DIE PARTEI nicht distanzieren).

Innerhalb des links-intellektuellen Milieus (zumindest laut eigenem Gefühl) ist eine Streitdiskussion entfacht. Das Thema: Die Wähl- bzw. Nicht-Wählbarkeit der Partei DIE PARTEI. „Eine Quatsch-Truppe voller elitärer und pseudointellektueller Hipsters. Amoralische und privilegierte Millennials, die die Sinnlosigkeit ihrer Existenz in der völligen Aufgabe eines politischen Gestaltungswillens mit ihrer anti-demokratischen Meta-Meta-Ironie-Dahintrollerei auf dem Rücken derer austragen, die sich ernsthaft den wichtigen Aufgaben für die Zukunft unserer Gesellschaft widmen“, so der Tenor auf der einen Seite.* „Mimimi!“, die konsequente Antwort auf der anderen Seite.

*die Debatte um eine eventuelle verlorene Stimme bei der Wahl einer eventuellen „Unter-5-Prozent-Partei“ mal beiseite gelassen.

Ironie eine ernstzunehmende politische Größe

BILLY
Johannes Floehr, Poetry Slammer & Mitglied bei DIE PARTEI seit 2009. Photo by: Lukas Prangen

Angesichts der Ratlosigkeit der alteingesessenen Parteien im Umgang mit der tagtäglich stattfindenden Real-Satire unserer Welt, scheinen nur mehr Satire, Dada und die absolute Ironie noch die Kraft zu finden, sich dem Wahnsinn der Realität gewordenen Dr. Strangeloves dieses Planeten entgegenzustellen. Ist die plötzlich empfundene Bedrohung seitens der Linksparteien nicht ein deutliches Zeichen dafür, dass DIE PARTEI mit ihren Guerilla-Aktionen und ihrer Omnipräsenz alles richtig gemacht hat? Neuerdings stellt die Ironie in Deutschland eine ernstzunehmende politische Größe dar, die auch international für Furore sorgt. Ein Teil der Bevölkerung sieht seine politische Heimat also in der totalen Sinnbefreiung? Ist die Abkehr von der Ernsthaftigkeit selbst zu einer ernsten Sache geworden?

„Nur“ eine Spaß-Partei?

ERINNERUNGSKULTUR
Tobi Allers, Kunsthistoriker & Stadtführer bei Berlin Kultour, sympathisiert mit der Partei DIE PARTEI. (Photo by: Sascha Wolters)

„Inhalte überwinden“ heißt das Motto der Partei DIE PARTEI. Ein satirischer Querschlag auf die Hülsenhaftigkeit der politischen Diskussionskultur. Daraus ergibt sich jedoch ein Dilemma: Würde man bei einem theoretischen Einzug in den Bundestag inhaltslose Politik machen? Und falls nicht, wäre das nicht ein Verrat der eigenen „Werte“? Hier liegt wohl die Crux: Ist die Partei kompetent und/oder gewillt, ernsthaft politische Maßnahmen umzusetzen oder schließt Satire inhaltliche Politik von Anfang an aus? Seitens der PARTEI lautet die Antwort: „Satire als Wahlkampf und Problembewusstseins-Strategie sowie konstruktive politische Arbeit schließen sich nicht aus. Im Gegenteil, sie gehen Hand in Hand,“ sagt Barbara Roherwasser (Mitglied der Partei DIE PARTEI).

Island, Sonneborn & Late-Night-Shows

Als Argument dafür wird gerne auf Island verwiesen. Wo ein Satiriker den Karren aus dem Dreck gezogen hat. Oder auf Martin Sonneborn und was er an konstruktiver Europa-Politik bereits erreicht hat. Oder dass DIE PARTEI sich am effizientesten und medienwirksamsten von allen gegen AfD und Rechtsextrimismus gestellt hat (Geldverkauf, Gruppen-Übernahmen, etc.). Oder man verweist auf John Oliver, Stephen Colbert und Konsorten und darauf, dass sie das liberal-politische Gegengewicht zu Donald Trump darstellen. Für mich ist das alles Pustekuchen. Der springende Punkt ist doch der hier:

Image-Problem der Linken: Spaßbremsen & Idealisten

Liebe Linke. Natürlich habt ihr Recht! Aber vor lauter Recht haben, vergesst ihr, dass ohnehin jeder vernünftige Mensch weiß oder wissen sollte, dass ihr Recht habt. Wer kann es euch verdenken? Zu wichtig ist eure politische Arbeit. Ich bin dankbar für euren Idealismus. Aber wer will schon auf einer exzessiven Party derjenige sein, der sagt: So Leute es wird langsam richtig spät, ihr seid betrunken, die Nachbarn haben sich schon beschwert. Der EDV-Udo hat uns schon wieder auf die Couch kotzt. Schluss mit dem Koks! Ist jetzt echt gut für heute. Damit ist man in der Stufe der Beliebtheit auf einer Skala von Christian Lindner bis Jan Böhmermann nur knapp vor dem SUV-fahrenden Yuppie in der Münchner Innenstadt.

Reaktanz als Problem linker Politik

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Michael Brüggemann, zukünftiger Landtagskandidat für RLP?

Mit Reaktanz beschreibt die Psychologie den Widerwillen, der in uns entsteht, wenn man sich von anderen anhören muss, was man ohnehin längst selbst schon weiß, aber es noch nicht auf die Kette gekriegt hat, es auch zu ändern. Ja, verdammt, ich weiß, Rauchen ist ungesund. Aber je mehr du mir das sagst, desto mehr rauche ich. In dieselbe Kerbe schlagen die vielzitierten Versuche der Grünen, einen Veggie-Day umzusetzen. Jeder vernünftige Mensch sollte erkennen, dass wir aus klimapolitischen und ethischen Gründen (und tausenden mehr), unseren Fleischkonsum einschränken müssen. Aber meine vernünftige Entscheidung lasse ich mir doch von niemandem aufzwingen!

Satire ist Botschaft ohne Reaktanz?

sexismus
Bonny Lycen, Sprecherzieherin & Poetry Slammerin, unterstützt DIE PARTEI.

Die Streitdiskussion um DIE PARTEI konnte sich wohl nur deshalb so aufbauschen, weil sich die linken Parteien und DIE PARTEI zu einem großen Teil auf dieselben Grundwerte einigen. Unter ihrer Clowns-Maske stecken (zumeist) links-liberale-progressive Menschen. Sie haben diese Werte so stark verinnerlicht, dass sie gar nicht mehr zur Debatte stehen, sondern als Prämissen ihres Humors dienen. Verletzungen dieser Prämissen dienen der satirischen Überhöhung. Durch das Lachen über diese Verletzungen gelingt es, die zugrundeliegenden Werte mitzutransportieren, auch wenn das Lachen manchmal im Hals stecken bleibt.

‚Gelindnert Gesagt‘- Facebook-Kampagne

Ich bin kein Mitglied der Partei DIE PARTEI, sehe aber die Parallelen zu meiner künstlerischen Arbeit als Kabarettist und politischer Mensch. In meiner Facebook Kampagne* „Gelindnert Gesagt – Mit Magenta-Gelb auf Schwarz-Weiß spitzenmäßig abgehoben“ habe ich im Stile der FDP-Plakate absurde Polit-Statements und Gags verbreitet. Meine Ziele waren: 1. die elitäre Politik der FDP zu karikieren, 2. auf politische Themen hinzuweisen, 3. Spaß und Heiterkeit zu verbreiten. (Gerne hätte ich auch andere Parteien parodiert, aber keine Partei macht es einem so leicht wie die FDP.**) Ich hoffe, ich konnte zeigen, dass ernste politische Themen viel lockerer von der Hand gehen, wenn man dabei ein bisschen Spaß hat und man die Leute gleichzeitig zum Lachen bringt? Reaktanz-Vermeidung nennt sich das. Bewusstseinsbildung und inhaltlich-politisches Korrektiv trotzdem inklusive.

*Ja, es ist selbstverliebt und arrogant, sich selbst zu zitieren. Aber das sind nicht die einzigen Gründe, weshalb ich es mache.
** Für die AfD reicht eine Fußnote.

Krampf raus, Spaß rein & trotzdem Inhalt

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Ali Amam, Bürgermeister der Herzen in Lübeck für DIE PARTEI.

Dieselben Prinzpien verfolgt DIE PARTEI. Ali Amam ist Bürgermeister-Kandidat der Partei DIE PARTEI in Lübeck. Schon jetzt ist er im politischen Tagesgeschäft integriert und erklärt den Erfolg seiner Partei durch diesen Mix aus Satire und regional-wirksamer politischer Arbeit.

„Wir wollen mit Satire auf Missstände vor Ort (Lübeck) hinweisen.“

Statt Zeigefinger gab es zum Beispiel dieses Plakat hier:parteiLuebeck

Ein voller Erfolg, das Plakat ging durch die Medien. Die Stadt musste reagieren. Verständlich, dass sich vor allem regional WählerInnen davon überzeugen lassen. Als ich ihm noch viel Erfolg für seinen weiteren Wahlkampf wünsche, antwortet er beispielhaft:

„Ich mache keinen Wahlkampf. Bei mir nennt sich das Freudentanz.“ (Ali Amam: Bürgermeister der Herzen)

Neue Wählerschaft: Die Nicht-Wähler mobilisieren

Ein Argument für DIE PARTEI ist die Mobilisierung von potentiellen NichtwählerInnen. Mein absolutes Lieblings-Wahlplakat in diesem Spätsommer war Nico Semsrotts Aufruf an die NichtwählerInnen. „Weil ich mir egal bin“. Im dazu passenden Video hieß es:

„Wenn es dir egal ist, wer im Bundestag sitzt, dann wähle doch am besten auch jemanden, dem es egal ist, dass er da drin sitzt.“ (Nico Semsrott)

DIE PARTEI fischt nicht im links-progressiven Lager, sondern will — und scheinbar erfolgreich — viele neue WählerInnen dazu gewinnen, überhaupt wieder zu wählen.

Keine Protestwahl, sondern bewusste Entscheidung

Ein Argument gegen die Wahl der Partei DIE PARTEI beruht auf der Annahme, dass es sich um reine ProtestwählerInnen handeln würde. Menschen, die die Schnauze voll haben vom politischen Zirkus. Bestimmt zum Teil zutreffend. Für viele ist es jedoch eine bewusste politische Entscheidung für DIE PARTEI. Nicht eine Enttäuschung, nicht politischer Verdruss. Nicht eine Wut, nicht eine Ahnungslosigkeit. Sondern eine bewusste Entscheidung!

DENKEN
Denken, Hoverwart (heißt eigentlich Brenda, will aber lieber anonym bleiben). Bellt für DIE PARTEI, wenn sie Futter kriegt.

Links-progessive-Umweltpolitik verpackt als Ironie

In einer internen Facebook-Gruppe der Poetry Slam Szene gab es kürzlich eine Umfrage bezüglich des Wahlverhaltens. Mir scheint diese Umfrage repräsentativ für eine links-intellektuelle Gruppe progressiver liberaler Menschen. Das wenig erstaunliche aber dennoch beeindruckende Ergebnis:

  • 63,4% Linke
  • 18,8% Die PARTEI
  • 12,5% Grüne
  • Unter 5%: Sonstige Parteien (sprich die Spaßparteien CDU/CSU, SPD, FPD)*

Was würde das für den Bundestag bedeuten? Eine progressive und sozial-gerechte Umweltpolitik verpackt als Ironie, damit sie besser runterflutscht. Könnte schlimmeres geben, oder?

*Für die AfD reicht eine Fußnote.

Fazit und klare Wahlempfehlung

wahlempfehlung
Dr. Bastian Mayerhofer, Humorexperte für die BILD-Zeitung & Musik-Kabarettist/Poetry Slammer. Distanziert sich ausdrücklich nicht von der Partei DIE PARTEI.

Unsere Welt braucht dringend linke Spaßbremsen! Ernsthaft. Als seriöses Gegengewicht gegen moralbefreiten Kapitalismus und elitäre Politik für die Reichen. Aber brauchen wir nicht auch diejenigen, die es schaffen, mit Humor, Satire und Ironie der Verbissenheit den Wind aus den Segeln zu nehmen, um die links-progressive Politik bisschen smoother in unserer Gesellschaft zu indoktrinieren? Ich darf als Ausländer ja leider nicht wählen. Ich bin mir auch nicht sicher ob ich DIE PARTEI wählen würde. Ich wünsche mir idealistische Weltverbesserer in der Regierung. Aber nicht, wenn sie Ironie, Satire und gelebten politischen Zynismus als Feindbilder betrachten! Deshalb ganz klare Wahlempfehlung (mit den eigenen Worten der Partei) von mir: Ja zur PARTEI, Nein zur PARTEI!

Zack. Und wieder stirbt ein Frosch.

Autor: Bastian Mayerhofer

Sprachpsychologe | Texter | Performer

1 Kommentar zu „DIE PARTEI, Ironie als politische Größe & Reaktanzvermeidung“

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