Böhmermann vs. Erdogan & die Ironie dahinter

Alle haben schon ihren Senf dazu abgegeben. Es ging um die Grenzen und Freiheit von Kunst und Satire, es ging um Diplomatie, es ging um Rassismus oder Nicht-Rassismus, es ging um juristische Paragraphen und antiquierte Gesetze. Und und und … Nur um eines ging es noch nicht: Um die sprach- und kognitionspsychologischen Grundlagen des Beitrags. Spoiler: Es geht um Ironie.

Böhmermann vs. Erdogan oder So-Fucking-Satire

Es wurde so viel argumentiert: Ist es wirklich klug, in der jetzigen Krise noch zusätzlich Öl ins Feuer zu gießen, fragen die einen. Gerade jetzt, wo wir die Türkei als einen Partner auf Augenhöhe brauchen. Oder aber gerade deshalb, sagen die anderen! Statt Erdogan in den Arsch zu kriechen, nur um unseren eigenen Arsch aus der Flüchtlingskrise zu ziehen. Deshalb seien die Extra3 und Böhmermanns und Hallervordens …. na gut ok, Hallervorden hätte man sich sparen können … unsere Fahnen, die wir hochhalten müssten. Und deshalb Hurra, unser Böhmi lebe hoch! Hashtag: Free böhmi. Hashtag: Je suis so fucking Satire!

Kritik oder Beleidigung oder doch beides?

Es wurde weiter argumentiert: Böhmermann lote die Grenzen der Kunstfreiheit aus. Es wurde argumentiert: man müsse das im gesamten Kontext betrachten. Es wurde aber auch argumentiert: das Gedicht sei unterste Schublade. Dass Böhmermann übertrieben habe, ja bewusst verletzt habe, so Captain Angie Obvious und nahm das dann aber doch wieder zurück. So geht Rautepolitik von heute. Und alle argumentierten, oder plapperten nach, oder beides. Ein Anwalt wollte auch noch mitreden: Eine Beleidigungsorgie war das! Wenn schon ein juristisches Proseminar, dann hätte ein Beispiel gereicht, z.b. dass Erdogan ein „ganz dummer Mensch“ sei, oder so was vielleicht. Müsse man denn dann wirklich noch eine ganze Salve an Beleidigungen hinterherschießen?

erdogan-ziege-beleidigung

Hätte-hätte Perlenkette … was, wäre es Netanyahu!?

Ein anderer argumentierte auch nicht unvernünftig: Klischees, Stereotypen und Jahrhunderte alte Anfeindungen gegenüber der islamischen Welt wären da aufgegriffen und weiterverbreitet worden. Und was wenn man sich mal vorstelle! Ja dass man sich mal vorstellen müsse! Wie sehr der Arsch offen gewesen wäre, hätte — Betonung Konjunktiv! — es nicht Erdogan gegolten, sondern zum Beispiel Netanyahu! Hätte Böhmermann geschrieben, Netanyahu habe eine Schweinenase. Betonung Konjunktiv! Von wegen Doppelmoral und so! Von wegen mittel-gutbürgerlicher Hipster-Pseudo-Intellektualismus!

Sprachpsychologie liefert wichtige Perspektive

Es wurde argumentiert, es wurde geschrieben, und so weiter und so weiter und so weiter. Nahezu alles wurde gesagt. Ein Punkt kam aber zu kurz: eine psycho-linguistische Analyse des Satirebeitrags (mit dem Schmähgedicht als Teil davon). Warum das notwendig ist? Einfach weil es spannend ist, sagt der Wissenschaftler in mir. Aber auch weil dadurch die ethische Beurteilung und die juristische Abwägung leichter fallen sollte, nämlich dann, wenn man präzise benennt, welche Kommunikationsmechanismen Böhmermann tatsächlich angewendet hat. Und — surprise, surprise! — es geht um Ironie.

Satire, Ironie, Sarkasmus … potatoe potato?!

satyr_satire_antikeSatire: Eine Kunstform, die durch vielfältige stilistische Mittel und Mechanismen — v.a. Übertreibung & Ironie — Anschauungen, Ereignisse oder öffentliche Personen kritisiert, diskreditiert oder verspottet. Sagt Wikipedia. Mein Nachbar sagt: du der … na wie heißt er … ja genau, der Pispers … der ist Satire! Und der Seppl vom Stammtisch: Mario Barth, sagt der, das ist Satire. Und der Etymologe sagt: Ein Satyr, das waren dämonische Gefolgen von Dionysos, dem Gott des Theaters, und Rausches, und der Kunst, … Doch ob Satire wirklich von den Satyrenspielen (antike Tragikömödien) kommt, weiß keiner mehr so wirklich. Wie auch immer: Satire ist linguistisch betrachtet ein schwammiger Begriff. Wir brauchen eine präzise Begrifflichkeit. Sonst diskutieren wir uns im Kreis. Achja, Ironie, denkt man dann. Das gibt’s doch auch noch. Na, also hättet ihr da nicht früher schon draufkommen können, sag ich dann, leicht zynisch … oder etwa sarkastisch. Aber Moment, … „sarkastisch“, sagt dann irgendwer … „ist das nicht dasselbe wie Ironie?“ Und wieder beißen wir uns in den Schwanz.

Ironie: Mehr als das Gegenteil des Behaupteten

Kurz und bündig: Satire ist eine literarische Gattung, die viele unterschiedliche stilistische Mittel verwendet (s.o.), mit dem Zweck Misstände aufzuzeigen und politischen Machthabern ein Gegengewicht zu bieten . Zynismus ist eine Geisteshaltung. Für viele sogar eine Philosophie. Sarkasmus ist eine (spielerisch)-aggressive Einstellung gegenüber … äh sagen wir … Menschen, Anschauungen … naja allem halt und betrifft die Absicht einer Aussage — Hilfsausdruck Verspottung. Allen dreien Begriffen ist gemeinsam, dass  Ironie als Stilmittel verwendet wird, unter anderem. Ironie hingegen lässt sich klarer als stilistisches Mittel definieren*. Fangen wir damit an, was Ironie nicht ist. Viele denken jetzt: Ironie ist, wenn das Gemeinte das Gegenteil von dem Gesagten sei. Diese Definition kommt aber (i) viel zu kurz & (ii) trifft sie nicht den Kern der Sache.**

Ironie: Verstellung und So-tun-als-ob

„Eironeia“ aus dem Alt-Griechischen steht für „Verstellung, Vortäuschung“. Bei Ironie wird immer bewusst und (mehr oder weniger) eindeutig eine fremde Perspektive eingenommen und eine Aussage aus dieser vorgetäuschten Perspektive heraus kommuniziert. Der gemeinsame Background, Kontext und Tonfall, Körpersprache oder Stimmwechsel singnalisieren dem Empfänger: Alles, was jetzt kommt, ist nicht meine Meinung, sondern Schauspiel, ein „so-tun-als-ob“. Und dann hat man Narrenfreiheit, oder sollte man haben, gut innerhalb eines gewissen normativen Rahmens. Kleine Faustregel: Holocaust ist nie angebracht. Man kann so tun als ob man fände, dass dieses beschissene Wetter heute „einfach nur herrlich sei“ (Neuschnee Ende April, hallo!), man kann so tun, als hielte man das politische Programm der AfD für einen „großen kulturellen Fortschritt“.

Inhalt einer ironischen Kommunikation

Indem man Ironie als Stilmittel benutzt, kommuniziert man nicht das tatsächlich Gesagte, sondern die Dynamik zwischen dem Gesagten, und dem, wovon man ausgehen kann, dass ich mit meinem Gegenüber dieselbe Perspektive/Meinung besitze. Wenn ich also aus ironischer Perspektive(!) Schwarze beleidigen würde, à la „Schwarze sind — das wissen wir doch alle — biologisch-wissenschaftlich betrachtet ganz einfach bessere Tänzer“ und der gesamte Kontext die Ironie 100% klarmacht, dann kommuniziere ich nicht die eigentliche Aussage, dass ich ernsthaft Schwarze aus biologischen Gründen für bessere Tänzer halten würde. Genau im Gegenteil! Was ich eigentlich kommuniziere ist, wie dumm, wie verkehrt und wie falsch es wäre und was für ein verachtenswerter Idiot ich wäre, wenn ich tatsächlich ein Rassist wäre und ernsthaft so etwas behaupten würde. Die eigentliche Aussage ist die Fallhöhe zwischen der gespielten falschen Perspektive und der korrekten Perspektive, die wir miteinander teilen.

Was hat Böhmermann gemacht?

Der Beitrag Böhmermanns ist komplexer. Böhmermann tat so, als ob Erdogan nicht den Unterschied zwischen Satire und Beleidigung wüsste. Und er tat so, als müsste man ihm diesen erklären. Wir als schlaue Zuseher wissen: Erdogan weiß grundsätzlich sehr wohl, was der Unterschied zwischen Satire und Beleidigung ist. Er ignoriert dieses Wissen jedoch, weil er unter dem Vorbehalt einer Beleidigung Satire, Kritik und Meinungsfreiheit unterdrücken will. Wenn Böhmermann also so tut als ob er Erdogan erklären müsste, was der Unterschied sei, nimmt Böhmermann eine spielerische Perspektive ein. Und natürlich braucht jegliche pädagogische Anstrengung eine konkrete Veranschaulichung.

Hat Böhmermann Erdogan beleidigt?

Einfache Antwort: Nein. Ausführliche Antwort: Böhmermann hat Erdogan definitiv nicht beleidigt. Er hat so getan, als müsste man Erdogan den Unterschied zwischen Satire und Beleidigung übertrieben explizit zeigen. Und kann man es Böhmermann übel nehmen? Erdogan hatte in seiner Amtszeit alles unternommen, um der Welt das Gefühl zu geben, dass er den Unterschied wirklich nicht kennen würde. Und das wiederum hat einen legitimen Rahmen geschaffen, um anhand einer beispielhaften theoretischen Beleidigung — vgl. „das was jetzt kommt, das wäre eine Beleidigung … dagegen könnte man juristisch vorgehen“ inklusive des darauffolgenden genauen juristischen Schritt-für-Schritt-Tutorials — ein Schmähgedicht zu schreiben und in einem satirischen Beitrag einzubetten.

Fazit: Satire, Sarkasmus, und vor allem Ironie

Der Beitrag ist keine Beleidigung. Der Beitrag kommuniziert auf intelligente Art und Weise Erdogans unglaubhaften Umgang mit der Meinungsfreiheit und seiner empfindlichen Leber gegenüber sogenannten Beleidigungen: Entweder Erdogan weiß den Unterschied wirklich nicht, dann müsse man es ihm aber natürlich erklären und offensichtlich so drastisch, dass der Unterschied wirklich klar wird. Oder Erdogan weiß den Unterschied ohnehin. Dann wäre der ganze Beitrag nicht notwendig gewesen, hätte sich Erdogan einfach nur diesem Wissen entsprechend verhalten. Das ist die Kritik. Und ja, das ist Satire, und meinetwegen auch sarkastisch.

Zack. Und wieder stirbt ein Frosch.

frosch-humor-analyse

Analyzing humor is like dissecting a frog. Few people are interested and the frog dies of it. (E. B. White)

*Gut, ich will jetzt einfach nicht erwähnen, dass sich ganze Grabenkämpfe in der Psycholinguistik zwischen Neo-Griceanern und Relevanztheoretikern am Schauplatz der Ironie abspielen, weil im Kern beide Definitionen ja doch (fast) auf dasselbe hinauslaufen.

**Könnte jetzt Beispiele bringen, die entweder nicht hineinfallen obwohl sie sollten, oder hineinfallen obwohl sie nicht sollten. Beides doof für eine lückendichte Definition. Aber kann man auch nachlesen. Oder ihr glaubt mir das.

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Autor: Bastian Mayerhofer

Sprachpsychologe | Texter | Performer

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